Schulden abbezahlen oder investieren? Die Zinsvergleich-Regel
Die Faustregel ist einfach: Ist der Zinssatz deiner Schulden höher als die realistisch erwartbare Rendite eines Investments, zahlst du zuerst die Schulden ab. Ein Dispokredit kostet in Deutschland laut BaFin im Schnitt rund 11,3 % Zinsen im Jahr, deutlich mehr, als ein breit gestreuter Aktienmarkt langfristig realistisch erwarten lässt. Bei einem klassischen Immobilienkredit mit niedrigem Zinssatz kann die Rechnung dagegen zugunsten des Investierens ausfallen.
Die Grundregel: vergleiche die Zinssätze
Die Entscheidung zwischen Schuldenabbau und Investieren lässt sich auf eine mathematisch einfache Frage herunterbrechen: Was kostet dich der Kredit an Zinsen, und was lässt sich mit derselben Summe realistisch am Kapitalmarkt erzielen? Liegt der Kreditzins höher als die erwartbare Rendite, ist das Abbezahlen der Schulden die bessere „Investition“, die garantierte Ersparnis an Zinsen schlägt eine unsichere Marktrendite. Liegt der Kreditzins niedriger, kann es sich rechnerisch lohnen, stattdessen zu investieren, auch wenn noch Schulden offen sind.
Wo die meisten Menschen am meisten verlieren: der Dispokredit
Der Dispokredit ist mit Abstand die teuerste Form der Verschuldung, die viele regelmäßig nutzen, oft ohne die tatsächlichen Kosten vor Augen zu haben. Laut den Daten der BaFin lag der durchschnittliche Dispozins in Deutschland Ende 2025 bei rund 11,3 % im Jahr, mit einer Spanne von rund 7 % bis fast 20 %, je nach Bank. Wird die geduldete Überziehung über den eingeräumten Dispo hinaus genutzt, liegen die Zinssätze bei manchen Banken sogar noch höher.
Zum Vergleich: Ein breit gestreuter Welt-Aktien-ETF hat historisch im Schnitt rund 7 bis 8 % Rendite pro Jahr erzielt, eine gängige Planungsannahme, aber keine Garantie, einzelne Jahre schwanken deutlich. Selbst im optimistischen Fall liegt diese erwartete Rendite unterhalb dessen, was ein durchschnittlicher Dispokredit an Zinsen kostet. Wer gleichzeitig im Dispo ist und Geld investiert, zahlt im Ergebnis drauf, die Zinslast auf den Schulden frisst die Investmentrendite mehr als auf.
Ratenkredite und andere Konsumentenkredite: meistens ebenfalls zuerst dran
Klassische Ratenkredite für Konsumzwecke, etwa für Möbel oder Elektronik, liegen mit ihren Zinssätzen häufig ebenfalls über dem, was am Aktienmarkt realistisch erwartbar ist, auch wenn die Spanne hier breiter ist als beim Dispo. Als Faustregel gilt: Liegt der Sollzins über etwa 6 bis 7 %, spricht das mathematisch klar für ein vorrangiges Abbezahlen, bevor zusätzliches Geld investiert wird.
Wann Investieren trotz offener Schulden Sinn ergeben kann
Nicht jede Verschuldung ist gleich teuer. Ein Immobiliendarlehen mit einem niedrigen, über viele Jahre festgeschriebenen Zinssatz kann durchaus unterhalb der erwartbaren Aktienmarktrendite liegen. In diesem Fall ist die Rechnung nicht mehr eindeutig, und andere Faktoren spielen mit hinein: wie sicher dein Einkommen ist, wie wohl du dich mit offenen Schulden fühlst, und ob dein Arbeitgeber bei einer betrieblichen Altersvorsorge einen Zuschuss zahlt, der die Rechnung zusätzlich zu deinen Gunsten verschiebt, mehr dazu in Betriebliche Altersvorsorge einfach erklärt. Ein BAföG-Kredit oder ein zinsloses Familiendarlehen fällt ebenfalls in diese Kategorie: Hier spricht wenig dagegen, parallel mit dem Investieren zu beginnen, statt jeden freien Euro vorrangig in die Tilgung zu stecken.
Der psychologische Faktor: Sicherheit zählt auch
Die reine Zinsrechnung ist nicht alles. Manche Menschen schlafen schlechter mit offenen Schulden, unabhängig davon, wie günstig der Zinssatz auf dem Papier ist, und zahlen bewusst schneller ab, als es die Mathematik allein nahelegen würde. Das ist keine falsche Entscheidung, finanzielle Ruhe hat einen echten Wert, der sich nicht in Prozentpunkten ausdrücken lässt. Die Zinsvergleich-Regel ist ein Ausgangspunkt für eine rationale Abwägung, keine Pflicht, sie in jedem Fall bis zur letzten Nachkommastelle zu befolgen.
Was das für dich bedeutet
Schau dir zuerst an, ob du regelmäßig im Dispo bist, das ist mit rund 11 % Zinsen im Schnitt der teuerste Posten und sollte praktisch immer vor dem Investieren beglichen werden. Bei Ratenkrediten vergleiche den tatsächlichen Sollzins mit einer realistischen Aktienmarktrendite von 7 bis 8 %. Bei einem günstigen Immobilienkredit darfst du parallel investieren, ohne dass das automatisch die falsche Entscheidung wäre. Wie viel du am Ende mit einem regelmäßigen Sparplan erreichen kannst, sobald die teuren Schulden getilgt sind, zeigt dir unser Sparplan-Rechner.