Warum der perfekte Einstiegszeitpunkt nie kommt
Eine Auswertung des DAX über 31 Jahre (1988 bis 2018) zeigt: Wer allein die 13 besten Börsentage in diesem gesamten Zeitraum verpasst hat, hat die Hälfte seiner Rendite verloren. Die besten Tage folgen oft direkt auf die schlechtesten, ausgerechnet dann, wenn die meisten Menschen aus Angst am Rand stehen. Wer wartet, bis sich die Lage sicher anfühlt, hat die Erholung meistens schon verpasst.
Die Idee, die logisch klingt, aber selten funktioniert
„Ich warte, bis die Kurse günstiger sind, dann steige ich ein.“ Das klingt vernünftig, fast wie gesunder Menschenverstand: niedrig kaufen, hoch verkaufen. Das Problem ist nur, dass niemand zuverlässig weiß, wann „niedrig“ tatsächlich der Tiefpunkt war, das lässt sich immer erst im Nachhinein sagen. Wer auf den perfekten Einstiegszeitpunkt wartet, wartet in der Praxis auf ein Signal, das es so nie gibt.
Was die Daten zeigen: Die besten Tage kommen überraschend
Eine Auswertung der Sutor Bank für den DAX zwischen 1988 und 2018, also über 31 Jahre, zeigt das Problem konkret: Wer während dieser gesamten Zeit durchgängig investiert blieb, erzielte eine jährliche Rendite von rund 7,2 %. Wer dagegen ausgerechnet die 13 besten Börsentage dieser 31 Jahre verpasste, sei es durch Zögern, Aussteigen oder falsches Timing, halbierte seine Rendite. Wer die 33 besten Tage verpasste, weniger als einen halben Prozentpunkt der insgesamt rund 7.800 Handelstage im Betrachtungszeitraum, landete sogar im Minus.
Der Grund dafür ist kein Zufall: Die stärksten Kurstage folgen historisch besonders häufig direkt auf die schlechtesten. Nach einem Crash schwankt der Markt zunächst heftig in beide Richtungen, bevor sich ein Trend zeigt. Wer in dieser Phase aus Angst aussteigt oder mit dem Einstieg zögert, weil „es ja noch weiter runtergehen könnte“, verpasst damit oft genau die Erholung, die den größten Teil der langfristigen Rendite ausmacht.
Warum sich Market Timing so richtig anfühlt, obwohl es meistens schiefgeht
Menschen sind darauf ausgelegt, auf Angst und Unsicherheit mit Vorsicht zu reagieren, das war evolutionär sinnvoll, ist an der Börse aber oft das Gegenteil von hilfreich. Fallen die Kurse, fühlt sich Abwarten sicher an, obwohl gerade dann historisch oft die besten Einstiegstage liegen. Steigen die Kurse, fühlt sich Einsteigen riskant an, „jetzt ist es doch schon teuer“, obwohl ein langfristig wachsender Markt neue Höchststände regelmäßig hervorbringt und sie keineswegs automatisch das Ende eines Aufschwungs markieren.
Selbst professionelle Fondsmanager mit vollem Zugriff auf Daten, Research-Teams und jahrzehntelanger Erfahrung schlagen ihren Vergleichsindex durch aktives Timing und Titelauswahl überwiegend nicht: Laut dem SPIVA-Bericht von S&P Dow Jones Indices erzielten über zehn Jahre betrachtet nur rund 2,2 % der aktiv verwalteten, in Euro gehandelten globalen Aktienfonds mindestens die Rendite ihres Vergleichsindex. Bei speziell auf Deutschland fokussierten Aktienfonds lag die Quote mit rund 20,9 % höher, aber die deutliche Mehrheit blieb auch hier hinter dem Index zurück. Wenn selbst bezahlte Profis mit Analystenteams das große Timing meistens verfehlen, ist die Erwartung, es selbst nebenbei zuverlässig besser zu treffen, unrealistisch.
Cost-Average-Effekt: die ehrliche Alternative zum Timing
Ein Sparplan macht dir das Timing-Problem nicht komplett weg, aber er neutralisiert es: Weil du jeden Monat denselben Betrag investierst, kaufst du automatisch mehr Anteile, wenn die Kurse niedrig stehen, und weniger, wenn sie hoch stehen. Du musst dafür keine Entscheidung treffen, das passiert einfach, weil du regelmäßig weiterzahlst.
Wichtig ist dabei eine ehrliche Einordnung: Der Cost-Average-Effekt garantiert selbst keine höhere Rendite. Untersuchungen von Morningstar und Vanguard zu US-amerikanischen Marktdaten zeigen sogar, dass eine sofortige Einmalanlage in rund zwei Dritteln der historischen Zeiträume eine höhere Rendite erzielt hätte als ein Verteilen über mehrere Monate, weil ein im Schnitt wachsender Markt jeden Tag, an dem Geld noch nicht investiert ist, potenziell Rendite kostet. Der eigentliche Wert eines Sparplans liegt woanders: Er nimmt dir die Entscheidung ab, wann du einsteigst, und genau diese Entscheidung ist es, an der Market Timing in der Praxis scheitert.
Was das für dich bedeutet
Warte nicht auf ein Gefühl von Sicherheit, das es an der Börse strukturell nicht gibt. Ein Sparplan, den du heute startest und einfach laufen lässt, schlägt historisch fast immer die Strategie, auf den vermeintlich richtigen Moment zu warten, ganz einfach, weil dieser Moment sich immer erst im Rückblick erkennen lässt. Wenn du bereits einen größeren Betrag zur Verfügung hast, sprich unseren Artikel zum Zinseszins-Effekt an, dort zeigen wir, wie stark sich zehn Jahre früher oder später auf dein Endkapital auswirken, unabhängig vom genauen Einstiegskurs.